Rock Im Fels Wunsiedel (Teil 2) - Glenn Hughes Plays Classic Deep Purple

      Rock Im Fels Wunsiedel (Teil 2) - Glenn Hughes Plays Classic Deep Purple

      Hi,

      gestern fand auf der Luisenburg bei Wunsiedel erstmals eine Art Mini-Festival statt, betitelt mit dem Namen Rock Im Fels. Die Luisenburg ist eine sehr imposante Naturbühne, mitten im Wald mit riesigen Felsvorsprüngen und verschiedenen Bühnenebenen am Berghang. Normalerweise wird die Bühne für die Luisenburg-Festspiele genutzt, sehr renommierte professionell besetzte Festspiele mit jährlich vier Eigenproduktionen [Klick]. Vor gut 10 Jahren hat der damalige Intendant die Konzertsparte eingeführt, die mittlerweile sehr erfolgreich ist. Gestern fanden den zwei solche Konzerte statt, Manfred Mann’s Earth Band und Glenn Hughes Plays Classic Deep Purple.

      Zum Review von Manfred Mann's Earth Band

      Nachdem die Earth Band fertig war, wurde das Theater geräumt, da beide Konzerte separat verkauft wurden. Nach 1,5 Stunden bei einstelligen Temperaturen und Regen (nicht umsonst ist das Fichtelgebirge auch als „Bayrisch-Sibirien“ bekannt) konnten wir dann endlich die Plätze für Glenn Hughes einnehmen. Der in der Art eines Amphitheaters angeordnete Zuschauerraum blieb diesmal allerdings deutlich leerer, gerade die hinteren Blöcke waren nur spärlich besetzt, ich schätze ca. 2/3 waren belegt, es werden ungefähr 1400 Zuschauer da gewesen sein.
      Glenn ist wenige Minuten später mit seiner Band auf die Bühne gekommen und hat mit Stormbringer gleich ordentlich losgelegt, was für ein geiler Opener. Direkt im Anschluss kamen Might Just Take Your Life und Sail Away, die wunderbar gegroovt haben. Danach gab’s glaube ich You Keep On Moving und Gettin‘ Tighter mir wahnsinnigem Drumsolo, bevor mit Mistreated und Smoke On The Water das Hauptset beendet wurde. Nach kurzem Verschwinden gabs als Zugaben Burn und Highway Star.

      Ich bin weder ein großer Fan von Glenns Art zu Singen, noch halte ich die gespielten Mk III Songs für Meisterwerke, ich habe das ja in meinem Strombringer-Album-Review neulich mal erklärt, ich vermisse bei klassisch-purpeligen Songs von Mk III und Mk IV immer Gillans Gesang und seine Art von Gesangslinien. So bleiben die Songs gute Rocksongs, aber sie packen mich nicht im gleichen Maße wie Mk II. Trotzdem habe ich es richtig genossen, diese Songs mal Live zu hören, denn es ist ohne Zweifel von der Musik her klassisches Deep Purple. Damit wären wir eigentlich auch schon bei einem großen Problem von Glenns Show, welches an der Publikumsreaktion ziemlich deutlich geworden ist: In Europa wird gemeinhin Mk II als „Classic Deep Purple“ definiert. Zwar waren Mk III und IV auch hier erfolgreich, aber eigentlich war Amerika damals der größere Markt. Wenn sich Glenn also 2019 in Deutschland hinstellt und vor Sail Away sagt: „you all know this one, please sing with me“, dann aber keiner mitsingt, weil es bis auf die Fans keiner kennt, ist das leider bezeichnend. Auch aufgefallen ist mir das bei einer seiner Ansagen, wo der California Jam vorkam. Die Pause, die er danach gemacht hat, war zweifelsfrei für Applaus gedacht, es hat aber keiner applaudiert, weil der Cal Jam in Europa ziemlich unbekannt ist. In den USA hätte das sicherlich Reaktionen gegeben, da bin ich mir sicher. Stimmung kam auch erst bei Smoke On The Water auf, Burn kannten dann einige doch, aber erst bei Highway Star war wieder alles auf den Beinen.

      Ob Stimmung oder keine Stimmung, Glenns Band hat geackert, insbesondere der Drummer, der sein Kit verdroschen hat wie ein Besessener. Auch Glenns Gitarrero war exzellent, sehr nahe an Blackmore zwar, aber das war ja auch der Sinn des Abends. Die Orgel hingegen ist leider ziemlich im Sound untergegangen, kein böses Grollen, sondern nur höhenlastiges Pfeifen, was sicherlich auch ein bisschen an der Lautstärke lag, die ordentlich raufgefahren wurde. Allgemein kann man sagen, dass der Bass sehr hoch im Mix lag, was auf Kosten von Orgel und auch Gitarre ging und mir nicht so ganz zugesagt hat. Dennoch war es in einem vernünftigen Rahmen, der Sound war trotzdem okay.

      Zu Glenns Stimme braucht man glaube ich wenig sagen, der Mann hat Dinger drauf, die Gillan auch 1972 wahrscheinlich nicht gebracht hätte. Meiner Meinung nach übertreibt er es damit allerdings, und zwar gewaltig. Wenn am Ende jedes Songs eine Runde Selbstdarstellung mit Breaks und Gesangsakrobatik kommt, ist mir das zu viel und das genaue Gegenteil von Bescheidenheit. Was ich aber auch loswerden will ist, dass mich seine Stimme sehr überzeugt hat, was sonst nicht so ist. Normalerweise ist er mir zu kreischig und zu effekthascherisch im Einsatz seiner Technik. Das hat er zwar gestern alles so betrieben, aber im Mix bei Konzertlautstärke hat es mich viel weniger gestört als zu Hause beim Anschauen von YouTube-Schnipseln mit deutlich anderer Lautstärke.
      Unterm Strich sehe ich meine Erwartungen bestätigt, obwohl ich einiges positiver sehe als gedacht. Mir hat das gefallen, von dem ich gedacht habe, dass es mir gefällt, nämlich die Songs, die Band und der Stimmumfang und mir hat das weniger gefallen, von dem ich gedacht habe, dass es mir weniger gefällt und das ist der Einsatz seines Stimmumfangs und die amerikanische Selbstdarstellung die Glenn betreibt. Ich wäre nicht hingefahren, wenn er nicht gerade in meiner Heimatstadt gespielt hätte und ich muss ihn denke ich auch nicht nochmal sehen, aber ich bin froh dass ich mal da war und ein bisschen mehr über seine Shows weiß, das was er macht ist ja auch gut.

      Ps: Erzählt er eigentlich auf jedem Konzert so penetrant dass er alle liebt, dass seine Stimme von einer höheren Macht kommt und dass wir nicht gekommen sind, um ihn zu sehen, sondern er gekommen ist, um uns zu sehen? :D Wir haben uns prächtig darüber amüsiert!
      Viele Grüsse, Jonas 8)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „joni02“ ()

      Hallo Joni,
      danke für deinen Bericht.
      Das Freilicht Theater ist wirklich sehr beeindrucken. Ich war auch schon dort..... Urlaub in Immenreuth!
      Ich würde auch nur hingehen wenn es bei mir in der Nähe wäre. Ich finde Glenns Stimme eigentlich genial, aber die Übertreibungen nerven mich etwas.
      Da wäre oft weniger mehr.
      Gruss Hans-Jürgen

      joni02 schrieb:

      Ps: Erzählt er eigentlich auf jedem Konzert so penetrant dass er alle liebt, dass seine Stimme von einer höheren Macht kommt und dass wir nicht gekommen sind, um ihn zu sehen, sondern er gekommen ist, um uns zu sehen? :D Wir haben uns prächtig darüber amüsiert!

      Danke für Deinen wie immer sehr ausführlichen Bericht. Ja, das erzählt er uns seit einigen Jahren (nicht bei BCC und Cali Breed). Glenn ist nun mal ein Exzentriker, was bei seinem Lebensstil auch kein Wunder ist. Man darf nicht vergessen, dass er fast sein ganzes Leben in Los Angeles verbracht hat. Da lebt schon eine sehr spezielle, eigenartige Blase. Nicht jeder ist so normal geblieben wie Dio.

      Die Kritiken sind jedenfalls durchweg ordentlich ausgefallen. Und oh Wunder, sogar die Namen von den anderen Musikern sind diesmal korrekt.

      frankenpost.de/region/feuillet…ren-Macht;art6787,6896209

      onetz.de/deutschland-welt/fast-rollten-steine-id2838915.html

      P. S. Wenn Glenn längere Zeit zuhause ist, buddelt er aber auch gern in seinem Garten und hat dann ganz normalen (veganen) Dreck unter den Fingernägeln. :D
      keep the freak flag flying!
      Danke für Deinen ehrlichen, sachlichen Bericht.
      Ich schätze Glenn sehr - auch stimmlich - wenn er nicht zu sehr übertreibt.

      In Hamburg kam eigentlich immer Stimmung auf, wenn er vom CalJam erzählt hat - das zog sich ja wie ein roter Faden durch das Konzert und Songs wie "You Fool No One" hat er auch in der Länge, wie bei CalJam gebracht.
      Gibt's da vielleicht auch noch einen regionalen Unterschied in Deutschland?

      Mich wundert aber, dass Du nicht auf sein Basspiel eingegangen ist. Das war in Hamburg nämlich wirklich genial.



      ...I See A RAINBOW Rising...
      ...Today Is Only Yesterdays Tomorrow...
      Das ist verrückt, ich habe vorhin beim Bericht schreiben nur an den Sänger Glenn Hughes gedacht und den Bassisten vergessen :O
      Du hast absolut recht, er hat ausgezeichnet gespielt, viele kleine Soloeinlagen und Improvisationen, alles Sachen die man von RG nicht gewohnt ist und die er vielleicht gar nicht hinbekäme. Was mich beeindruckt hat war sein Sound, er hat natürlich sehr aggresiv gespielt, aber durch die Verzerrung und das (etwas überzogene) Hochdrehen im Gesamtmix war er als Bassist präsent, was selten vorkommt. Ich habe danach mit einigen Leuten gesprochen, die ganz verwundert über den "irren Rhythmus" und den Druck waren, der vom Bass ausging, wie konnte ich das vergessen :D

      "In Hamburg kam eigentlich immer Stimmung auf, wenn er vom CalJam erzählt hat - das zog sich ja wie ein roter Faden durch das Konzert und Songs wie "You Fool No One" hat er auch in der Länge, wie bei CalJam gebracht.
      Gibt's da vielleicht auch noch einen regionalen Unterschied in Deutschland?"


      Das ist eine interessante Frage, vielleicht liegt es aber auch ein bisschen an der Art des Events, welches seit Wochen in der Lokalzeitung angekündigt wurde. Für Wunsiedel mit nicht mal 10.000 Einwohnern ist sowas halt etwas Besonderes und wenn ich mich gestern im Publikum so umgeguckt habe, konnte man viele Einheimische entdecken, sprich: kein gut informiertes Publikum. Das waren denke ich zum Großteil Eventzuschauer, ich nehme an mehr als in einer Großstadt wie Hamburg, wo ein Konzert von Glenn Hughes in einer kleineren Location nichts Besonderes ist. Ich könnte mir vorstellen dass der Unterschied da zwischen Stadt und Land liegt, Wunsiedel liegt wirklich eher abgelegen im Gebirge.
      Viele Grüsse, Jonas 8)
      Danke für die Ergänzungen.
      Bei glenn wird gerne vergessen, dass er eben auch ein wirklich sehr guter Basser ist.
      Alle drei Bassisten von DP haben völlig anders gespielt.

      Bei zwei anderen "Rockern" wird auch gern vergessen, dass sie nicht nur Sänger sondern auch sehr gute Bassisten sind: Lemmy und Suzie Quattro. Letztere Spielt auch immer ein langes Solo.

      Glenn ist als Sänger und Bassist immer wieder beeindruckend.

      Mit dem (nicht) informierten Publikum wirst Du Recht haben.



      ...I See A RAINBOW Rising...
      ...Today Is Only Yesterdays Tomorrow...