Der erste Eindruck

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      Nachdem „Whoosh!“ einige Runden gedreht hat, wird es langsam Zeit für meine ersten Eindrücke von der Scheibe. Ich möchte kurz vorausschicken was ich erwartet habe. Ich bin von einem sehr progressiven und nicht primär rockigen Album ausgegangen, bei dem Don Airey den Ton angibt und Steve Morse nicht unbedingt im Vordergrund stehen wird. Ich habe komplex strukturierte Stücke erwartet, die mit ordentlichen Gesangslinien und opulenten Keyboardarrangements sehr eingängig und überwiegend im mid-tempo Bereich angesiedelt sein würden. Als ich gestern Mittag das Album zum ersten Mal gehört habe, war ich ziemlich überrascht und habe zuerst nicht so wirklich gewusst was ich von „Whoosh!“ halten soll, es ist nämlich ziemlich anders als ich gedacht habe.

      Throw My Bones ist mit der Zeit gewachsen und auch wenn ich es mir nicht recht als Opener vorstellen konnte, passt es an dieser Stelle ganz wunderbar. Mit seiner Opulenz hätte der Song gut auf die beiden Vorgängeralben gepasst und ist damit die Ausnahme auf „Whoosh!“.
      Drop The Weapon ist vielleicht mein Liebling auf „Whoosh!“. Rockig, geradlinig und melodiös kommt der Song daher und wartet mit einer Bridge zum Niederknien auf. Das Finale mit eben jener, sich immer weiter steigernden, Bridge bedeutet für mich Gänsehaut pur. Klasse!
      Bei We’re All The Same In The Dark schwanke ich zwischen belanglosem Füller und grooviger Gute-Laune mit Tendenz zu Letzterem. Insbesondere das herrlich rhythmische Riff gefällt mir gut und auch Steves Solo weiß zu überzeugen, die Gitarre klingt überhaupt nicht nach Music Man, eher nach Telecaster. Es wäre interessant zu erfahren, mit welcher Gitarre er das Solo aufgenommen hat.
      Nothing At All ist ja schon länger bekannt und zweifelsohne der Hit des Albums. Hier trifft cleveres Songwriting auf einen hohen Ohrwurmfaktor, der den melancholischen Song zu einem Highlight der Scheibe macht. Der klassische Einfluss von Purple ist bei Nothing At All so stark zu spüren wie schon lange nicht mehr, insbesondere im Orgelsolo von Don. Mir gefällt’s.
      Kreuzt man Stormbringer mit One Night In Vegas kommt No Need To Shout heraus. Das Riff kann seine Ähnlichkeiten zu Stormbringer nicht verheimlichen und der Vers ist vom Groove sehr nah an One Night In Vegas, für mich ein bisschen zu nah. Nachdem mir der Vegas-Groove schon im "Original" nicht unbedingt zusagt, weiß ich noch nicht so recht ob ich ein Fan von No Need To Shout werde. Abwarten.
      Gleich beim ersten Hören ist mir Step By Step positiv aufgefallen, der Song wirkt wie eine Mischung aus Soon Forgotten und Vincent Price, abermals klassisch inspiriert. Ganz schlüssig bin ich mir hier allerdings auch noch nicht, in den weiteren Durchläufen hat der Song etwas verloren, mal schauen wie er sich entwickelt.
      What The What habe ich beim ersten Durchlauf für den 0815-Deep-Purple-Rock’n’Roller gehalten, aber der Drive des Songs gefällt mir zunehmend gut. Ich ertappe mich immer öfter beim Mitwippen, live könnte What The What schön abgehen, außerdem hat Steve Morse hier ein wirklich ganz bezauberndes Solo hingelegt. Der Song wächst!
      Gitarre und Orgel hätten bei The Long Way Round einfach lauter gehört, so fehlt dem Song ein bisschen der Druck, den er eigentlich haben könnte. Davon abgesehen wäre The Long Way Round eine gute Konzertergänzung, auch wenn der Chorus fast eins zu eins aus Hang Me Out To Dry übernommen wurde. Absolutes Highlight hier ist das Moog-Solo von Don, das ist wirklich besonders gelungen.
      The Power Of The Moon beginnt wahnsinnig disharmonisch und schafft genau im richtigen Moment den Übergang zum Chorus. Der kommt wunderbar heavy und gleichzeitig hypnotisierend daher, dass er den Song schlagartig in eine andere Dimension katapultiert. Die Soli gehören hier zu den geschmackvollsten auf dem Album, ich hier hätte mir nur am Schluss nochmal den Refrain und nicht „nur“ die Bridge gewünscht. Sonst ist der Song einfach klasse und definitiv ein Highlight!
      Remission Possible ist ein sehr düsteres und quirliges Instrumental, das wirkt, als hätte man Steve und Don einfach mal machen lassen. Ich find‘s ganz nett, sehe es aber eher als Übergang von The Power Of The Moon zu Man Alive und als solches funktioniert es gut.
      Zu Man Alive gibt’s eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Nachdem ich am Anfang etwas irritiert war, finde ich den Song mittlerweile genial, atmosphärisch, düster und heavy. Besonders hervorheben will ich hier das Solo von Steve Morse, das eines der besten Momente auf „Whoosh!“ ist.
      Das Remake von And The Address gefällt mir außerordentlich gut, denn Steve und Don haben es geschafft, dem Lied ihre eigenen Persönlichkeiten hinzuzufügen ohne den Charakter des Songs zu zerstören. Ob es besser oder schlechter als das Original ist, kann und will ich nicht beurteilen, es ist anders und auf jeden Fall gelungen. Von mir aus darf das gerne live gebracht werden.
      Aus Dancing In My Sleep hätte man auch einen tollen Dancefloor-Song machen können, so funkig kommt der Grundbeat daher. Zeitweise meint man, nicht Roger Glover sondern Glenn Hughes stünde am Bass. Melodisch gefällt mir Dancing In My Sleep recht gut, jedoch sind die Soli hier nicht wirklich passend, sie wirken wie krampfhaft eingebaut und werten den sonst interessanten Song ab.

      „Whoosh!“ ist nicht ansatzweise so „progig“ wie ich gedacht habe, über weite Strecken ist es ziemlich rockig und vor Allem energiegeladen. Es gibt keine richtig schnellen Songs, aber der Anteil schnellerer Songs ist deutlich höher als auf "Now What?!" und "inFinite". Was das angeht ist es vielleicht das „klassischste“ Album der Ezrin-Ära. Was unbedingt dazugehört: „Whoosh!“ ist puristischer und nicht so raumfüllend wie „Now What?!“ und „inFinite“. Das liegt natürlich an der Produktion, aber auch vor Allem an den Arrangements. Man merkt dem Album die kürzere Produktionszeit und die sparsamer eingesetzten Keyboardflächen deutlich an. Es gibt einfach mehr Platz im Gesamtsound, die Songs sind nicht ganz so orchestral geraten und es gibt wieder Freiräume, die ja auch typisch für Purple sind.
      An „inFinite“ hat mich mit der Zeit immer mehr der wahnsinnig komprimierte Sound gestört, die ohnehin fett instrumentierten Tracks wurden so zu Soundmonstern, die keinen Platz zum Atmen mehr hatten. Das ist bei „Whoosh!“ zum Glück anders, der Sound ist luftig und doch druckvoll, besonders bei den Drums fällt das positiv auf. Alle Instrumente sind klar differenzierbar und auch die Gitarre ist wesentlich präsenter als erwartet, wenn auch immer noch etwas zu leise. Ein kleiner Kritikpunkt hier ist, dass die hohen Frequenzen ein bisschen mehr betont hätten sein können, das hätte den Gitarrensound fetter gemacht, aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau.

      Überhaupt nichts zu Jammern gibt es beim Gesang, hier hat Meister Gillan eine ganz hervorragende Arbeit abgeliefert. Waren auf „inFinite“ noch viele Gesangsspuren mit Effekten überladen, dominiert auf „Whoosh!“ Ians Stimme ohne große Nachbearbeitung. Zwar sind viele Teile mindestens gedoppelt, aber meistens ist eine einzelne Spur als Lead klar erkennbar, das gefällt mir sehr gut. Mir gefallen übrigens auch die weiblichen Backgroundsängerinnen richtig gut, das wirkt frisch und unverbraucht.
      Don Airey lässt die synthetischen Klangflächen erfreulich oft weg und tobt sich an Hammond, Klavier und Moog aus, insbesondere Erstere wird langstreckig richtig schön dreckig gespielt. Auch das ist ein unerwarteter Pluspunkt. Dieser Pluspunkt kommt insbesondere Steve Morse zu Gute, der mehr Freiraum hat, ihn aber sehr band- und songdienlich nutzt. Hier muss ich Bob Ezrin völlig zustimmen, der im Gespräch mit Roger Glover beschrieben hat, wie Steve durch seine gesundheitlichen Probleme einen neuen, melodiöseren Stil entwickelt hat, der ihm gut zu Gesicht steht. Zudem scheint er des Öfteren mal eine Fender verwendet zu haben, denn einige Sounds klingen so gar nicht nach seinen üblichen Music Mans. Roger Glover und Paicey liefern ein, wie gewohnt, grundsolides und knochentrockenes Fundament für die Songs. Paicey spielt sehr straight, meiner Meinung nach etwas zu schnörkellos, dafür wartet Roger mit eingängigeren und prominenteren Basslinien als sonst auf. Auch hier gibt’s Letzen Endes wenig zu bemängeln.
      Insgesamt ist "Whoosh!" ein gelungenes Album, mehr kann ich noch nicht sagen. Momentan rangiert es auf Platz zwei der Ezrin-Alben hinter "Now What?!".
      Viele Grüsse, Jonas 8)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „joni02“ ()

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      Klasse Kritik, vieles sehr ich geanu wie Du, anderes eben anders. Ich freue mich, dass es eben nicht so progig ist und auch ich finde den Freiraum gut, andeers als bei den vorgängern können die Songs atmen. Hast Du toll beschrieben.

      Übrigens war ich mir bei "Dancing In My Sleep", sehr unsicher, was das am Anfang für Töne sind. Meine Sohn, der gitarre spielt meint: "Keyboard" - ich habe eher an Gitarre gedacht: So als ob jemand mit Drumsticks auf die Seiten klopft....

      Aber es scheint "Programming" zu sein, denn bei dem Song gibt es einen Gastmusiker:
      Saam Hashemi: Programming (Dancing In My Sleep). Ist vielleicht nicht jedem aufgefallen.



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